| An einem Märzabend des Jahres 1848 erschütterten plötzlich seltsame Geräusche das abgelegene Haus der Farmersfamilie Fox im amerikanischen Hydesville, Bundesstaat New York: Aus mehreren Räumen klopfte, dröhnte und knallte es. In den darauffolgenden Nächten waren Schritte zu hören, Gegenstände
bewegten sich wie von selbst. Die gespenstischen Klopfgeräusche schienen sinnvoll gesteuert: Es gelang, ein "Klopfalphabet" zu entwickeln, mit dem eine regelrechte "Unterhaltung" mit dem unsichtbaren Besucher möglich schien; eine bestimmte Anzahl von Klopflauten bezeichnete dabei bestimmte Buchstaben. Diese "Erfindung" war die Geburtsstunde der spiritistischen Bewegung in der modernen westlichen Welt - und ein wesentlicher Anstoß zur Entwicklung der
wissenschaftlichen Parapsychologie. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde von dem mitteilungsfreudigen "Geist von Hydesville" über das ganze Land, und rasch drang sie auch nach Europa. Überall entstanden spiritistische Zirkel, in denen ebenfalls der Dialog mit der Geisterwelt gesucht wurde.
Doch bald konnten den beiden Fox-Töchtern Kate und Margaret betrügerische Manipulationen nachgewiesen werden - sie legten "Geständnisse" ab und widerriefen sie wieder. Auch wenn heutige Parapsychologen davon ausgehen, daß zumindest am Anfang des Hydesville-Spuks echte paranormale Vorkommnisse standen, so gilt dieser Fall als nicht mehr zitabel, wenn es um Belege für Spuk geht. Aber gibt es solche Belege überhaupt? Seit über einem Jahrhundert forschen Parapsychologen
Spukfällen nach, die unter zwei Kategorien fallen: 1. Beim personengebundenen Spuk lassen sich ein oder mehrere lebende Menschen - sogenannte "Focuspersonen" oder "Agenten" - identifizieren, die im Mittelpunkt des Geschehens stehen. Sie scheinen es förmlich "anzuziehen", und meist nur in ihrer Gegenwart tritt es auf. Oft verfolgt solcher Spuk die Betroffenen sogar an verschiedenen Orten. 2. Ortsgebundener Spuk
hingegen ereignet sich anscheinend ohne lebenden Agenten. Über längere Zeit hinweg wiederholt er sich, mit unregelmäßigen Unterbrechungen, immer am selben Ort. (Manche Gebäude sind seit Jahrhunderten als "Spukhäuser" verschrien.)
In beiden Fällen kann Spuk sichtbare Erscheinungen, akustische Anomalien, unerklärliche Gerüche und Berührungen einschließen, ebenso wie rätselhafte physikalische Veränderungen und Materialisationen. Vereinzelt geht er einer
"Besessenheit" voraus. (siehe Besessenheit und Exorzismus). Spukphänomene scheinen häufig intelligent gesteuert und auf das Verhalten der Betroffenen zu reagieren. In Ausnahmefällen lassen sie sich auf Bild- oder Tonträgern objektivieren. Skeptiker unterstellen pauschal Sinnestäuschungen, Betrug oder verkannte natürliche Ursachen; Psychiater
glauben an Manifestationen unbewußter Wünsche, verdrängter Schuldgefühle, zusammengestückelter Phantasien. Dagegen nehmen Parapsychologen zumindest einen Teil der Phänomene ernst, die sie oft vor Ort mit eigenen Augen erlebten. Neben ihrer persönlichen Erfahrung führen sie vor allem drei Gründe an: - Viele Spukfälle werden von zahlreichen Betroffenen unabhängig voneinander bezeugt, die glaubwürdig und psychisch gesund sind. Dabei stimmen die berichteten Vorfälle
oft bis in Einzelheiten überein. - Häufig schließt Spuk physikalische Veränderungen ein, die aus naturwissenschaftlicher Sicht unerklärlich sind. - Spuk weist allgemeine, immer wiederkehrende Grundmuster auf, die individuelle Phantasien übersteigen. In jüngerer Zeit sammelten und sichteten vier aufwendige parapsychologische Studien (Cox 1961, Roll 1976-1978, Gauld & Cornell 1979, Huesmann & Schriever 1987) insgesamt über 700 Spukfälle aus fünf
Jahrhunderten. Die statistische Analyse dieses Materials zeigte auffallende Gemeinsamkeiten. Die Häufigkeiten der berichteten Phänomene (z.B. "Feuer tritt auf', "Kälte-/Wärmeerscheinungen", "Gegenstände scheinen sich in Luft zu bilden", "Schränke, Türen, Fenster öffnen sich von selbst") wichen zwischen den vier Studien meist lediglich um zwei bis zwölf Prozentpunkte voneinander ab. Erklärungen dafür suchen Parapsychologen
allerdings im "Diesseits": Als Spukverursacher nehmen sie lebende Personen an, die paranormale Fähigkeiten manifestieren. So soll das Öffnen von Türen, das Ausbrechen von Feuer, das Klopfen an Wänden von ihnen psychokinetisch erzeugt werden. (Parapsychologen sprechen bei Spuk geradezu austauschbar von "RSPK", und allein schon dieser Fachbegriff verrät den animistischen Hintergrund: "wiederholte (recurrent) spontane Psychokinese". Verwiesen wird
dabei auf psychologische Studien, denen zufolge die "Fokuspersonen" von Spukvorfällen in der Regel unter starker emotionaler Anspannung stehen; auffällig oft stehen pubertierende Minderjährige im Brennpunkt des Geschehens. Wo ganze Familien betroffen sind, wird ein "affektives Feld" angenommen, in dem die Phänomene in einer Psi-Gruppenleistung erzeugt werden. Und tatsächlich gelang es, in dem ungewöhnlichsten Experiment der modernen Spukforschung, Anfang der siebziger
Jahre einer Gruppe von acht Frauen und Männern in der kanadischen Stadt Toronto, einen "Geist" anscheinend künstlich, mit bloßer Willenskraft, zu erzeugen: Unter Leitung des Mediziners und Parapsychologen A. R.G. Owen traf sich die Gruppe ab 1973 regelmäßig, um gemeinsam einen fiktiven, von ihnen selbst frei erfundenen Geist namens "Philip" heraufzubeschwören. Nach Monaten vergeblichen Bemühens setzte ein Klopfspuk ein, Gegenstände bewegten sich wie von selbst.
Während dieser Ansatz die Mehrzahl von "personengebundenen" Spukfällen verständlich macht, tut er sich mit "ortsgebundenen" schwer. Da hier selten "Agenten" auszumachen sind, müssen Parapsychologen eine Reihe von fragwürdigen, oft recht künstlich anmutenden Hilfshypothesen konstruieren, um an spiritistischen Deutungen vorbeizukommen. So rechnen manche mit der Möglichkeit, daß bestimmte, emotional stark besetzte Ereignisse - etwa eine Hinrichtung, ein
Selbstmord, ein Attentat - einen Ort regelrecht "imprägnieren" können; diese "Eindrücke" sollen selbst Jahrhunderte überdauern können - bis ein sensitiv veranlagter Mensch sie aufnimmt und nacherlebt. Einer anderen Theorie zufolge werden Erinnerungen an derartige Vorfälle telepathisch weitergegeben; in vermeintlichen Spukwahrnehmungen vollzieht ein "Empfänger" dann nach, was ihm ein "Sender" an Erlebnisbildern vorgibt. Spiritisten beharren
dagegen auf jenseitigen Verursachern. Auch das "Philip"-Experiment der Owen-Gruppe läßt sie kalt: Könnten sie zu guter letzt nicht doch einen Totengeist angelockt haben, auf den ihr ersonnener "Steckbrief” paßte? Lesetips W. E. Cox: "Introductory comparative analysis of some poltergeist cases", in: Journal of the American Society for Psychical Research 55/1961, S. 47-72. H. Bender: "Spuk - Täuschungen und Tatsachen",
in: E. Bauer/W.v. Lucadou (Hrsg.), Psi - was verbirgt sich dahinter? Wissenschaftler untersuchen parapsychologische Erscheinungen, Freiburg i.Br. 1984, S. 123-142. A. Gauld/A. Cornell: Poltergeists, London 1979. M. Huesmann/F. Schriever: "Steckbrief des Spuks - Darstellung und Diskussion einer Sammlung von 54 RSPK-Berichten des Freiburger Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene aus den Jahren 1947-1986", in: Zeitschrift fiir Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie 1-2/1989,
S. 52-107. W.v. Lucadou: Psyche und Chaos. Neue Ergebnisse der Psychokinese-Forschung, Freiburg i.Br. 1989. F. Moser: Spuk - Ein Rätsel der Menschheit, Olten 1950/1977, Frankfurt a.M. 1980. I. Owen/M. Sparrow: Eine Gruppe erzeugt Philip. Das Abenteuer einer kollektiven Geisterbeschwörung. Freiburg i.Br. 1979. W.G. Roll: Der Poltergeist, Freiburg i.Br. 1976. | |