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Die Medizin, die in den Sternen steht

  • Harald Wiesendanger
  • 22. Sept. 2025
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 3. Dez. 2025

Die Medizin, die in den Sternen steht - Wie “wissenschaftlich” ist die Astrologie in Gesundheitsfragen?


aus H. Wiesendanger:Der Streit ums Horoskop.Astrologen stellen sich der Kritik(leicht überarbeitete Fassungaus Der Heiler 2+3/199


Die vermeintlichen „wissenschaftlichen Beweise“ der astrologischen Medizin sind mit Vorsicht zu genießen. Das Bemühen, sie durch empirische Forschung zu fundieren, hat bislang eher klägliche Ergebnisse gezeitigt.


 Ein Arzt ohne Kenntnisse der Astrologie“, so befand Hippokrates (um 460-370 v. Chr.), „hat nicht das Recht, sich Arzt zu nennen.“ Er gleiche „einem Auge, welches keine Kraft zum Sehen hat“. Gar als „Narr“ schalt Paracelsus (1493-1541) einen derart ahnungslosen Medicus; als erste von fünf Krankheitsursachen, die er unterschied, nannte er ens astrale, den Gestirnseinfluß.

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  Was an imposanten „Treffern“ aus astrologischen Beratungspraxen hin und wieder an die Öffentlichkeit dringt, gibt den beiden Großvätern der abendländischen Medizin offenbar bis heute recht. Deuten solche Einzelfälle, von denen astrologische Fachzeitschriften schier überquellen, nicht doch auf einen geheimnisvollen Zusammenhang zwischen Himmelskonstellationen und Gesundheit hin, der von Medizinern sträflich vernachlässigt wird?   Bestünden solche Zusammenhänge, müßten sie wissenschaftlich zu erhärten sein. Und tatsächlich haben neugierige Forscher verschiedenster Fachrichtungen mittlerweile einen stattlichen Datenberg aufgetürmt, der mancherlei beeindruckende Hinweise darauf zu enthalten scheint, daß an Astromedizin weitaus mehr dran ist, als Skeptiker ihr ungeprüft zutrauen. Bei genauerem Hinsehen wird allerdings deutlich, daß die vermeintlichen „Beweise“ der medizinischen Astrologie mit Vorsicht zu genießen sind - um so mehr, je euphorischer sie als solche gefeiert werden.   Etliche Studien scheinen beispielsweise darauf hinzudeuten, daß bestimmte körperliche Krankheiten mit typischen astrologischen Konstellationen . Faktoren Berücksichtigung fanden. (1) Anschließend wurden diejenigen Faktoren herausgefiltert, welche die Fälle von Hämophilie am worden als Krebs. Auch hier schienen sich zunächst atemberaubende kosmische Hintergründe aufzutun. So analysierten schon in den sechziger Jahren zwei niederländische und eine britische Studie die Daten von zusammengerechnet 3842 Krebspatienten - und stießen, übereinstimmend, auf eine deutliche Häufung von Betroffenen, die in bestimmten Monaten bzw. Jahreszeiten geboren worden waren. (Siehe Grafiken unten.) Der angesehene Effekt der Geburtsjahreszeit überprüften zwei amerikanische Forscher an über 20.000 Todesfällen im US-Bundesstaat Connecticut - es gab keinen. Ebensowenig fündig wurden sie bei 2278 Fällen von Leukämie im Kindesalter, abgesehen von einem leichten statistischen Überhang bei solchen Kindern, die im Spätsommer zur Welt kamen. (6) Bei anderen Stichproben ergaben sich zwar astrologische Auffälligkeiten, jedoch in widersprüchliche vielbeachtete Studie einer amerikanischen Forschungsgruppe um Larry Michelson. (7) Er versuchte die rätselhafte Kindersterblichkeit in den ersten drei Stunden nach der Geburt zu ergründen, die auf das sogenannte , Tierkreiszeichen: RDS-Babies waren weitaus öfter im Wassermann als im Löwen geboren. Insgesamt isolierte Michelsons Team elf Faktoren, die statistisch ins Gewicht fielen. Als er die beiden Ausgangsstichproben nun allein anhand dieser Faktorenliste ein zweites Mal durchleuchtete, gelangen ihm erstaunliche Trefferquoten: Unter den 145 Babies ohne RDS erkannte er 64 Prozent zutreffend als normal, unter den 122 RDS-Babies klassifizierte er 74 Prozent korrekt.


   Wäre auf Michelsons Zahlen Verlaß, so sollten flächendeckend auf den Geburtsstationen unserer Krankenhäuser schleunigst Astrologieseminare stattfinden; abertausende von unnötigen Todesfällen könnten vermieden werden. Doch leider haften der Studie zwei schwerwiegende Mängel an. Die Liste der „gewichtigen“ Astro-Faktoren wurde, im Zirkelschluß, aus der Analyse eben jener Fälle abgeleitet, anhand derer sie anschließend getestet wurde, und das macht sie wertlos. Außerdem erwähnt Michelson nicht, wieviele astrologische Variable er getestet hat. Zurecht bemängelte der kürzlich verstorbene Psychologe Hans Eysenck: „Gemessen an der speziellen Beschaffenheit der als signifikant angegebenen Variablen (beispielsweise ‘Herr des 6. Hauses im 3. Haus’), dürfte es davon ungefähr 2500 gegeben haben, und falls dem so ist, darf man wohl damit rechnen, daß etwa 25 schon aus Gründen der Wahrscheinlichkeit als äußerst signifikant in Erscheinung treten.“ (8) harren, ist nicht ihr einziger Makel. Gelegentlich deuten sie zwar auf merkwürdige Zusammenhänge hin, laufen dabei aber der „reinen“ astrologischen Lehre mehr oder minder krass zuwider. So ergab eine aufwendige Analyse von Klinikdaten, die bis ins Jahr 1930 zurückreichten, daß in mehr als 90 Prozent von über tausend Fällen starken Nasenblutens solche Patienten betroffen waren, deren Mondzeichen im Steinbock, im Wassermann oder in den Fischen standen - bloße Zufallswahrscheinlichkeit hätte 25 Prozent erlaubt. Doch leider sind dies die „falschen“ Zeichen: Traditionell werden sie eher mit den Körperteilen von den Knien bis zu den Füßen in Verbindung gebracht. (10)   Als eine ihrer Domänen betrachtet die astrologische Medizin den Bereich psychischer Störungen. So schien sich eine immer schon vermutete Verbindung zwischen Drogensucht und Tierkreiszeichen zu bestätigen, als 1973 die Geburtsdaten von 1386 Heroinsüchtigen in einer Klinik im Height-Ashbury-Bezirk von San Francisco unter die Lupe genommen wurden. (11) Eine Verbindung bestand in der Tat - allerdings in anderer Weise, als Astrologen vermuten würden. Während Persönlichkeiten, die besonders anfällig für Drogenmißbrauch sind, gewöhnlich am ehesten unter Fischen und Skorpionen vermutet werden, waren unter den Suchtkranken der Height-Ashbury-Studie besonders häufig Wassermänner, Jungfrauen und Zwillinge vertreten, Steinböcke und Skorpione hingegen unterrepräsentiert. Als die Studie vier Jahre später an einer Stichprobe von 349 männlichen Rauschgiftsüchtigen in Maryland wiederholt wurde, ergab sich nichts Signifikantes - abgesehen von einer leichten Tendenz bei Wassermännern, die dem Befund der Ausgangsstudie eher zuwiderlief. (12) Dies nährt den Verdacht, bei der ursprünglichen Untersuchung könnten sich selbst erfüllende Prophezeiungen am Werk gewesen sein. Unter den Einwohnern von Height Ashbury ist der Glaube an Astrologie stärker verbreitet als im amerikanischen Bevölkerungsdurchschnitt. Könnte es nicht sein, daß bestimmte Menschen, im Wissen Besonders dem Mond wird seit Jahrtausenden zugetraut, Macht über Geisteskranke zu besitzen. „Wer in der Nacht von Schrecken, Angst und Wahnsinn erfaßt wird, bekommt Besuch von der Mondgöttin“, schrieb Hippokrates. Und Shakespeare läßt seinen Othello, nachdem er Desdemona ermordet hat, verzweifelt ausrufen: „Das hat wahrhaftig nur der Mond verschuldet / Er macht die Menschen rasend“. Das englische Wort lunatic (von lat. luna), „wahnsinnig“, hat diesen Zusammenhang etymologisch bewahrt. Die „Lykanthropie“, die Verwandlung eines Menschen in einen Wolf, Horrorstoff für unzählige Hollywoodstreifen, gilt als eine Form des Wahnsinns, die vom Mond hervorgerufen wird.


   Daß an diesem „Mond-Effekt“ tatsächlich etwas dran ist, scheinen mehrere Studien zu bestätigen. So soll eine Analyse von über tausend Neuaufnahmen in psychiatrischen Kliniken in Ohio gezeigt haben, daß psychische Zusammenbrüche statistisch auffallend bei Vollmond auftraten. Allerdings ging die Studie, ungeprüft, davon aus, daß beim Durchschnittspatienten die Störung vier Tage vor der Einlieferung ins Krankenhaus auftritt - eine reichlich willkürliche Annahme, denn in Wahrheit können vom Ausbruch einer psychischen Krise bis zur Klinikeinweisung Wochen, ja Monate verstreichen. (13). In den psychologischen Beratungsstellen amerikanischer Hochschulen häufen sich Notrufe von Studenten um die Vollmondzeit herum (14) - doch diese Tendenz ist statistisch so schwach ausgeprägt, daß sie ebensogut durch sich selbst erfüllende Prophetien erklärt werden könnte.    Eine wirklich harte Nuß für Skeptiker stellt dagegen eine Fülle von Daten dar, die auf astrologische Bedingungen der Schizophrenie hinzudeuten scheinen. Sieben Studien aus dem angloamerikanischen Raum, die unabhängig voneinander zusammengerechnet 30.000 psychotische Patienten erfaßten, ergaben übereinstimmend: Die Geburtstage von Schizophrenen weisen, jedenfalls auf der nördlichen Hemisphäre, eine steigende Tendenz auf, in die ersten drei oder vier Monate des Jahres zu fallen - also in die Tierkreiszeichen Steinbock, Wassermann, Fische und Widder. (15) Im Durchschnitt liegt der statistische Überschuß bei beachtlichen zehn Prozent. Den gleichen Trend bestätigt eine Untersuchung an über 16.000 Patienten in Schweden; dabei zeigte sich, daß Schizophrenie die einzige Geisteskrankheit war, die ein deutliches Jahreszeitenmuster aufwies. (16). Auf der südlichen Erdhalbkugel, anhand der Geburtsdaten von über 20.000 Psychiatriepatienten in New South Wales, Australien, wurde ein Schizophrenie-Trend festgestellt, der dazu paßt. (17) Mehrere Forscher verglichen die Geburtsmuster von Schizophrenen mit denjenigen ihrer nichtschizophrenen Geschwister. (18) Auch hierbei zeigte sich, daß auffallend viele Schizophrene in der Tat in den ersten Monaten des Jahres geboren waren; dagegen verteilten sich die Geburtsdaten ihrer normalen Brüder und Schwestern nicht anders über das Jahr als in der Bevölkerung insgesamt.


   Doch abgesehen davon, daß auch hier weitere Studien zu gegenteiligen Ergebnissen führten (19), könnte ein enttäuschendes Ende finden, was zunächst nach einer grandiosen Bestätigung der Astromedizin aussieht. Denn womöglich beruht der Geburtenüberhang bei Schizophrenen in den ersten Monaten des Jahres schlicht auf einem leicht zu übersehenden Methodenfehler. Zwei amerikanische Psychologen, Lewis und Griffin, wiesen darauf hin, daß Schizophrenie üblicherweise erst nach dem dreizehnten Lebensjahr auftrete und selten vor dem frühen Erwachsenenalter einigermaßen klar festzustellen sei; deshalb müsse stets auch der Zeitpunkt ihrer Diagnose berücksichtigt werden. (20) Welches Problem ergibt sich daraus für astrologische Deutungen? Angenommen, wir entdecken irgendeine Störung, die bei Säuglingen im ersten Lebensjahr auftritt; nun wollen wir untersuchen, ob und wie sich das Auftreten dieser Störung jahreszeitlich verteilt. Unsere Datenauswertung zu einem beliebigen Zeitpunkt in diesem Jahr würde garantiert ergeben, daß Kinder, die am Jahresbeginn geboren wurden, stärker betroffen sind - einfach deswegen, weil sie schon länger leben und somit stärker „gefährdet“ sind. Könnte es nicht, ganz entsprechend, so sein, daß jemand, der zu Jahresbeginn geboren worden ist, ein erhöhtes statistisches Risiko trägt, als Schizophrener diagnostiziert zu werden? Als Lewis und Griffin an Datenmaterial über Schizophrene eine


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